Bandverletzungen am Sprunggelenk

 

In vielen Sportarten wie zum Beispiel im Fußball sind die unteren Extremitäten besonders stark belastet und auch häufig verletzt. Neben dem Knie und Oberschenkel ist bei Fußballern insbesondere das Sprunggelenk gefährdet. Es ist nahezu bei jeder fünften Fußballerverletzung betroffen, im Frauenfußball stellt die Sprunggelenksverletzung sogar die häufigste Verletzung dar. Statistisch gesehen und auch erfahrungsgemäß ist im Profifußball pro Mannschaft und Saison mit circa fünf bis sechs Sprunggelenksverletzungen zu rechnen. Diese ziehen oft mehrtägige oder gar mehrwöchige immer unerwünschte Ausfallzeiten nach sich. Um diese zu vermeiden oder so gering wie möglich zu halten, sind eine schnelle und optimale Akutversorgung mit genügender Rehabilitation sowie eine adäquate Prävention notwendig.

 

Anatomie und Bildgebung

Das Sprunggelenk besteht aus dem oberen und unteren Sprunggelenk, die beide durch eine Kapsel und – sowohl innen als auch außen – durch Bänder und Muskeln stabilisiert werden. Die meisten Verletzungen betreffen das obere Sprunggelenk und sind oft durch ein Umknicken verursachte Kapsel-Band-Verletzungen. Mehr als drei Viertel davon sind wiederum auf der Außenseite zu finden. Das sogenannte Außenband besteht in Wirklichkeit aus drei einzelnen Bändern, einem vorderen, einem mittleren und einem hinteren Band. Nach vorherigem Ausschluss eines Bruches mittels zwei Röntgenaufnahmen, kann der behandelnde Arzt durch eine exakte körperliche Untersuchung und vor allem zusätzlich durch eine Ultraschalluntersuchung (Sonographie) feststellen welches Band und in welchem Ausmaße lädiert ist. Eine Kernspintomographie (MRT) ist meistens nicht zwingend notwendig, kann aber bei Verdacht auf eine andere bzw. höhergradige Verletzung durchgeführt werden.

 

Sofortmaßnahmen

Wie auch bei anderen Verletzungen müssen die ersten Sofortmaßnahmen, die am Spielfeldrand – wenn nötig – schon durch den Trainer oder einen anderen Teambetreuer durchgeführt werden sollten, das sogenannte PECH-Schema (Pause, Eis, Compression, Hochlagerung) berücksichtigen. Hierdurch werden die Schmerzen reduziert, die weitere Einblutung wird vermindert und eine Schadenszunahme mit möglicher Verlängerung der Heilungsphase und etwaigen Spätfolgen kann vermieden werden. Die Belastung muss sofort abgebrochen werden, das Sprunggelenk gekühlt, durch einen Verband komprimiert und hochgestellt werden. Diese Maßnahmen können ganz schnell und einfach in Kombination angewandt werden. So kann der Fuß des Spielers z. B. auf einer Wasserkiste hoch gelagert, mit einer am besten in Eiswasser getränkten Binde verbunden und durch einen Beutel mit Crasheis oder Eiswürfel gekühlt werden, wobei dieser auch in den Verband integriert werden kann.

 

Beim Verbinden ist u. a. zu beachten, dass eine Kurzzugbinde (feste, meistens braune Binde; keine elastische Binde) verwendet und der Verband immer von herzfern in Richtung des Herzens mit abnehmendem Druck angelegt wird; also an den Zehengrundgelenken beginnend über die Ferse und Knöchel bis zum unteren Teil des Unterschenkels. Dadurch soll eine Stauung vermieden und der venöse Rückstrom gefördert werden. Hinsichtlich der Kühlung haben Untersuchungen gezeigt, dass Natureis die günstigste Anwendungsform darstellt, aber nicht direkt auf die Haut aufgelegt werden sollte, um Unterkühlungen zu vermeiden. Aufgrund dessen ist auch besondere Vorsicht bei der Handhabung mit Eis-Spray geboten. Wichtig zu wissen ist ebenso, dass idealerweise intermittierend gekühlt werden sollte. Folgendes Schema, das alle 2 bis 3 Stunden wiederholt werden sollte, hat sich dabei als das Effektivste erwiesen: 20 Minuten Eis – 10 Minuten Pause – 10 Minuten Eis – 10 Minuten Pause – 10 Minuten Eis.

 

Ausschluss eines Syndesmosenverletzung primär mittels einer Ultraschalluntersuchung

Ein Arzt sollte so bald wie möglich aufgesucht werden, so dass eine genaue Abklärung stattfinden kann. Dieser kann die Art der Verletzung sowie deren Ausprägungsgrad feststellen und die geeignete Therapie einleiten. Insbesondere gilt es dabei andere (Begleit-)Verletzungen am Sprunggelenk auszuschließen, wie z. B. einen Knöchelbruch oder die in den Medien oft kursierende und bei Fußballern besonders gefürchtete Syndesmosenruptur. Hierbei handelt es sich um einen Riss der Bandverbindung zwischen Schien- und Wadenbein, welche für die Stabilität der Knöchelgabel eine große Rolle spielt. Eine solche Verletzung geht oft mit einem Wadenbeinbruch einher, kann aber auch in Kombination mit einer Kapsel-Band-Verletzung und selten auch isoliert auftreten. Eine Syndesmosenverletzung mit entsprechender Instabilität kann anhand einer Ultraschalluntersuchung erkannt werden und erfordert meistens eine operative Maßnahme. Bei dieser wird die Knöchelgabel mittels einer Stellschraube, die nach sechs Wochen wieder entfernt wird, stabilisiert.

 

Therapie

Handelt es sich um die häufige Außenbandverletzung, so kann – anders als vor einigen Jahren, als diese operativ versorgt wurden – ein konservatives Vorgehen eingeleitet werden, da ein „Zusammenwachsen“ oder „stabiles Vernarben“ der verletzten Bandstrukturen zu erwarten ist. Eine Entlastung an Unterarmgehstützen ist hierbei nicht immer zwingend notwendig, oft jedoch bis zur Abschwellung und Schmerzreduktion für einige Tage sinnvoll. Die wichtigste Behandlungsmaßnahme ist schließlich die äußere Stabilisierung des Sprunggelenks. Diese kann durch Tape-Verbände oder durch entsprechende Orthesen, die abhängig vom Verletzungsausmaß über mehrere Wochen Tag und Nacht getragen werden sollten, gewährleistet werden.

 

Aufbautraining

Den Zeitpunkt zum Übergang ins Aufbau- und dann später ins Mannschaftstraining sollte der Arzt in Absprache mit dem Spieler, dem Physio- und ggf. auch mit dem Sporttherapeuten sowie dem Trainerteam individuell entscheiden. Dabei werden vor allem der primäre Schweregrad der Verletzung und die Fortschritte in den ersten Phasen der Rehabilitation berücksichtigt. Ein wichtiger Aspekt in der Rehabilitation ist auch die Verletzungsprophylaxe. Wie bedeutend diese neben der medizinischen Erstversorgung ist, zeigt auch die Erkenntnis, dass jede vierte Sprunggelenksverletzung auf einem vorausgegangenen Trauma ähnlicher Art basiert. Neben einer nicht vollkommen ausgeheilten früheren Verletzung sind noch weitere Einflussfaktoren für eine erneute Sprunggelenksverletzung zu erwähnen, so z. B. Kraft-, Beweglichkeits- und Koordinationsdefizite, unzureichendes Aufwärmen, das Körpergewicht, Ermüdung, mangelnde Konzentrationsfähigkeit, das Schuhwerk, die Witterungs- und Platzverhältnisse sowie eine ungenügende „innere Stabilisierung“ (Propriozeption). All diese Risikofaktoren sind mehr oder weniger beeinflussbar, so dass das Verletzungsrisiko durch geeignete Maßnahmen erheblich verringert werden kann.

 

Verletzungsprophylaxe - Verbesserung der Propriozeption und Koordination

Die Propriozeption und Koordination haben im Rahmen der Verletzungsprävention einen besonders hohen Stellenwert. Unter Koordination ist vorwiegend das Zusammenspiel der Muskeln zu verstehen, während man mit Propriozeption die Wahrnehmung von Bewegungsrichtung und -lage des Körpers im Raum sowie der Stellung einzelner Körperteile zueinander bezeichnet. Vereinfacht gesagt, handelt es sich hierbei um das Gleichgewichtsgefühl, die Rückmeldung des Gelenks und der Muskulatur an das zentrale Nervensystem bzw. an das Gehirn über eine Änderung des Untergrunds und ein drohendes Umknicken des Sprunggelenks. Je schneller diese Rückmeldung stattfindet, desto schneller kann wiederum durch einen entsprechenden Impuls und einer Muskelkontraktion das Gleichgewicht gehalten und eine mögliche Verletzung vermieden werden. Die propriozeptiven und koordinativen Fähigkeiten können durch geeignetes Training (vor allem im Jugendalter) geschult und entscheidend verbessert werden. Mögliche Übungsformen zur Schulung dieser Fähigkeiten sind z. B. Wackelbrett- oder Kreiselübungen in verschiedenen Variationen (z. B. mit geschlossenen Augen oder mit Zuwerfen bzw. Rückpassen eines Balles), unterschiedliche Stabilitätsübungen (z. B. einbeinig), Barfußläufe im Sand oder auf dem Rasen, das Erbsentreten oder die Durchführung eines sogenannten Lauf-ABC bzw. einer „Sprungschule“. Es wurde schon gezeigt, dass die Integration eines solchen Trainings in den Trainingsbetrieb bereits mit dreimal 10 Minuten wöchentlich in der Vorbereitung und 5 Minuten wöchentlich während der Saison das allgemeine Verletzungsrisiko eines Fußballers deutlich senken kann.

 

Dr. med. Simeon Geronikolakis