Verletzungsanfälligkeit und Verletzungsprophylaxe

 

Woran liegt es, dass manche Fußballer verletzungsanfälliger sind als andere?

Dass manche Spieler verletzungsanfälliger als andere sind hängt von sehr vielen Faktoren ab und es ist auf jeden Fall nicht immer nur Pech.

Sicherlich spielt auch die genetische Disposition, die nicht beeinflussbar ist, eine nicht zu vernachlässigende Rolle, aber viele weitere, sehr wichtige Faktoren können die Trainer sowie die Betreuer und vor allem der Spieler selbst entscheidend zum Positiven beeinflussen.

Man spricht in diesem Sinne von einer Verletzungsprophylaxe, die unter anderem folgende Aspekte berücksichtigt: das Mannschaftstraining, die Belastungssteuerung, das Aufwärmprogramm vor den Trainingseinheiten und dem Spiel, die Fitness und Athletik des einzelnen Spielers aber auch seine mentale und kognitive Stärke, seine Spielweise, das individuell abgestimmte Eigentraining, wodurch muskuläre Grundlagen geschaffen und speziell die neuromuskuläre Funktion verbessert werden sollen, die medizinische Betreuung, die sportgerechte Ernährung, die Regeneration, worunter auch der Schlaf zählt, das Equipment wie zum Beispiel die Schuhe und die Schienbeinschoner und auch weitere äußere Faktoren wie die Platzverhältnisse.

 

Ab wann sollte man mit einer Verletzungsprophylaxe anfangen?

Die Verletzungsprophylaxe beginnt idealerweise schon in der Kindheit, wo abhängig der Entwicklungsstufe die verschiedenen koordinativen Fähigkeiten, die letztendlich auch den Spielertyp ausmachen, entsprechend trainiert werden können. Vieles, das in dieser Zeit verpasst wird, kann später nicht mehr nachgeholt werden.

 

Welche Rolle spielt die sportmedizinische Betreuung in der Verletzungsprophylaxe?

Es ist hervorzuheben, dass aus medizinischer Sicht unbedingt immer eingegriffen werden sollte, sobald sich in den Medizinchecks, also den regelmäßigen körperlichen Untersuchungen und Testungen des Spielers, die im jungen Alter schon notwendig sind, Auffälligkeiten, zum Beispiel muskuläre Dysbalancen, Haltungsschwächen, Instabilitäten, Blockierungen oder Mobilitätsdefizite, ergeben.

Hinzu kommt noch, dass viele Verletzungen Rezidivverletzungen sind und es daher von immenser Wichtigkeit ist, eine Verletzung schnell, korrekt und konsequent zu behandeln und dann den richtigen Zeitpunkt für die Rückkehr zur vollen Einsatzfähigkeit zu wählen, so dass kein wesentlich erhöhtes Risiko für eine erneute Verletzung besteht, aber der Spieler dennoch auch nicht unnötig zu lange aus dem Trainings- und Spielbetrieb rausgehalten wird.

 

Welche Rolle spielen Antizipation, Schnelligkeit, Alter und Position des Spielers für sein Verletzungsrisiko?

Die Antizipation auf kommende Gelenkbelastungen und Spielsituationen beeinflusst die Propriozeption und damit die Gelenk- und Standstabilität. Je besser somit antizipiert wird, desto besser werden die Gelenkbelastungen durch Präaktivierung und Tonusregulierung vorbereitet, was das Verletzungsrisiko, zum Beispiel durch Verdrehen des Kniegelenkes oder durch Umknicken im Sprunggelenk, deutlich reduziert.

Auch die Schnelligkeit gehört zu den wichtigen Ansätzen in der Verletzungsprophylaxe. Man unterscheidet weiter zwischen der Wahrnehmungs-, Antizipations-, Reaktions-, Handlungs- und Bewegungsschnelligkeit, worunter dann die Schnelligkeitsausdauer, die Sprintausdauer und die Antrittsschnelligkeit fallen. Sind diese Eigenschaften gut ausgeprägt, so können zum Beispiel aus einer unendlichen Anzahl von Signalen und sowohl optischen als auch akustischen Reizen in der jeweiligen komplexen Spielsituation die relevanten Informationen selektiert werden. Dies hat eine verbesserte Bewegungsprogrammierung zu Folge und durch eine hierdurch schnellere Reaktion bis zur Bewegungsausführung kann eine Verletzung vermieden werden.

Wenn auch mit zunehmendem Alter die Intensität und Dynamik des Spiels nachlässt und durch die Erfahrung in vielen Situationen gute Lösungen gefunden werden, haben ältere Fußballer kein geringeres Verletzungsrisiko. Hauptursächlich dafür sind die abnehmende Fitness betreffend alle motorischen Fertigkeiten und auch die abnehmende Qualität und Widerstandsfähigkeit von Bändern, Muskeln und Sehnen.

Auch bezüglich der Position des Spielers wurden in vielen Untersuchungen Zusammenhänge zum Verletzungsgeschehen beobachtet, was auf die positionsspezifisch etwas unterschiedlichen Anforderungen zurückzuführen ist. So verletzen sich Torhüter zum Beispiel insgesamt seltener als Feldspieler, erleiden aber vergleichsweise häufiger Kopfverletzungen, da sie oft mit dem Kopf in niedriger Höhe in kritische Situationen geraten. Bei Mittelfeldspielern kommen im Vergleich zu anderen Spielpositionen aufgrund häufigerer Ballaktionen öfters Sprunggelenksverletzungen vor.

 

Gibt es genetische Ursachen für häufige Verletzungen?

In der Verletzungsanfälligkeit spielt die genetische Disposition, die leider direkt nicht beeinflussbar ist, auch eine bedeutende Rolle. Hier wäre zum Beispiel die muskuläre Konstitution eines Spielers anzuführen. So verfügen sprintstarke und schnellkräftige Spieler über einen hohen Anteil an schnellzuckenden Muskelfasern und neigen dadurch eher zu muskulären Verletzungen.

Zudem haben Studien auch gezeigt, dass bestimmte genetische Variationen, die die Struktur der Kollagenfaser, die wiederum das Grundgerüst von Sehnen, Bändern und Bindegewebe bilden, beeinflussen, zu einem erhöhten Risiko von zum Beispiel Knie- oder Achillessehnenverletzungen führen.

 

Wie kann ein verletzungsanfälliger Spieler sein Risiko senken?

Nicht nur die besonders verletzungsanfälligen Spieler, sondern auch alle anderen Spieler sollten eine Verletzungsprophylaxe betreiben, indem sie so gut wie möglich die zuvor genannten Aspekte berücksichtigen, was aber eine entsprechende Aufklärung und Edukation sowie Betreuung voraussetzt.

Idealerweise wird der Spieler sportärztlich und sportphysiotherapeutisch betreut, so dass zusätzlich sowohl auf bereits vorhandene als auch auf später sich ergebende ungünstige Faktoren individuell reagiert werden kann und Verletzungen von der Erstversorgung bis zur Spielfreigabe optimal behandelt werden.

 

Welche Rolle spielt der Trainer und sein Training in Bezug auf Verletzungen?

Der Trainer ist hauptverantwortlich für die Trainingsinhalte und die Belastungssteuerung, die nicht nur entscheidend für die Qualität und Leistung seiner Spieler sind, sondern auch bedeutende Faktoren in der Verletzungsprophylaxe.

Zudem kann er Einfluss auf psychologischer Ebene nehmen und oft auch auf die Zusammensetzung seines Funktionsteams, das dann wiederum zusätzlich in vielen der oben genannten Bereichen positiv einwirken kann.

 

Wie beschleunigen die Sportmediziner den Heilungsverlauf eines Spielers bei einer Verletzung?

In erster Linie gilt es die Verletzung eingehend zu untersuchen, richtig zu diagnostizieren sowie schnell und adäquat zu versorgen.

Darüber hinaus ist eine ausreichende Aufklärung des Spielers über seine Verletzung und den Therapieempfehlungen notwendig. Durch physiotherapeutische und verschiedene physikalische Maßnahmen, evtl. Tape-Anlagen, Ernährungstipps und manchmal auch Medikamenten kann der Heilungsverlauf nach einer Verletzung dann weiter beschleunigt werden.

 

Dr. med. Simeon Geronikolakis